KARRIERE-BLOG · IMPULSE AUS DEM PODCAST MIT JULIAN TREASURE
Fachlich top, im Gespräch immer wieder „die gute Nummer zwei“. Das kann ganz andere Ursachen haben, als Sie vielleicht denken. Die Wirkfaktoren, die oft im Jobinterview unterschätzt werden: Wie Sie klingen und wie Sie zuhören.
Ich kenne diese Rückmeldung aus vielen Erstgesprächen: „Es war ein gutes Gespräch, sie haben sich für den anderen entschieden.“ Die Unterlagen waren stark, die Bilanz auch. Entschieden hat etwas, das in keinem Lebenslauf steht: wie jemand im Raum wirkt. In diesem Beitrag habe ich die Impulse aus meinem Podcast-Gespräch mit Julian Treasure zusammengefasst, einem der erfolgreichsten TED-Speaker der Welt: Seine fünf Talks über Stimme, Klang und Zuhören wurden über 150 Millionen Mal gesehen. Was er über Stimme, Zuhören und Vorbereitung sagt, ist kein Rhetorik-Trick, sondern Handwerk, das man lernen kann. Dieser Beitrag fasst zusammen, was ich daraus für Gespräche auf Top-Level mitnehme. Dadurch gehen Sie in das nächste Gespräch nicht mehr nur mit Ihrer Bilanz, sondern mit Ihrer ganzen Präsenz.
Von Sabine Lanius · Stand: September 2026 · Lesezeit rund sieben Minuten, 38 Minuten Gespräch
Wir bringen Kindern Lesen und Schreiben bei. Sprechen und Zuhören bringen wir niemandem bei, weil alle glauben, das könnten sie ohnehin. Das ist der Ausgangspunkt des Gesprächs, und er trifft Führungskräfte besonders: Sie haben Jahrzehnte gesprochen, in Meetings, vor Belegschaften, mit Kunden. Aber die Situation, in der ein Gremium in dreißig Minuten über Ihre nächsten Jahre entscheidet, ist eine andere. Dort entscheidet nicht, was Sie wissen, sondern was beim anderen ankommt. Ich habe vor Jahren selbst mit einer Stimmtrainerin gearbeitet; die erste Übung war Atmen. Ich hielt das für überflüssig. Es war das Wirksamste an der ganzen Arbeit.
01
Nervosität ist nicht das Problem. Der Umgang damit ist es.
Jeder ist nervös, wenn es um etwas geht. Der Puls steigt, das Adrenalin läuft, die Stimme wird dünner. Das ist keine Schwäche, das ist der Körper, der Sie schärfer, schneller und wacher macht. Sportler am Start begrüßen diesen Zustand, weil sie wissen, dass er ihre Leistung trägt. Das Problem beginnt, wenn Sie gegen ihn kämpfen.
Zwei Dinge helfen sofort. Atmen: ein tiefer Atemzug, bevor Sie antworten, setzt die Stimme wieder auf den Boden. Haltung: Stellen Sie sich einen Faden vor, der am Scheitel zieht. Die Schultern fallen, der Rücken richtet sich, alles hängt in Balance. Das wirkt im Sitzen wie im Stehen, und es wirkt nach außen als Ruhe, auch wenn innen der Puls geht. Vermeiden Sie, was die Nervosität sichtbar macht: kein Blatt Papier in zitternden Händen, keine Hände, die nichts zu tun haben. Hände auf die Knie, Blick zum Gegenüber.
Und ein Gedanke, der viele entlastet: Der andere sieht Ihren Puls nicht. Er sieht einen Menschen, der sich konzentriert. Wenn die Nervosität trotzdem übermächtig wird, spricht nichts dagegen, sie zu benennen: „Ich bin gerade aufgeregt, das ist sonst nicht meine Art.“ Das ist kein Eingeständnis, das ist Kontakt. Erfahrene Gesprächspartner reagieren darauf fast immer menschlich, und aus einem Verhör wird ein Gespräch.
Was Sie davon haben: Sie verschwenden keine Energie mehr darauf, ruhig zu wirken. Sie atmen, richten sich auf und lassen den Puls arbeiten.
02
Practice, Prepare, Deliver: die Vorbereitung, die den Unterschied macht
Niemand würde ohne eine einzige Stunde Üben ein Klavierkonzert geben. In ein Gespräch, das über die nächste Position entscheidet, gehen die meisten genau so. Die Methode, die im Gespräch für Vorträge beschrieben wird, passt auf Gremiengespräche eins zu eins.
Practice: die Fähigkeit üben, nicht den Termin. Mit Fremden sprechen, unter Druck, mit Wirkung. Das lässt sich trainieren wie Fahrradfahren: beim ersten Mal ein Kunststück, beim hundertsten Mal denkt man nicht mehr daran. Eine kleine Runde von vier, fünf Menschen, die sich alle paar Wochen fünf Minuten gegenseitig etwas vortragen und ehrlich Rückmeldung geben, bringt mehr als jedes Buch. Wer weiß, dass im dritten Gespräch eine Fallstudie präsentiert werden muss, übt Präsentieren, bis es sitzt. Wer weiß, dass improvisiert werden muss, übt Improvisation. Es gibt dafür Schulen.
Prepare: In welches Zuhören spreche ich? Das ist die eine Frage, die ich seit dem Gespräch jedem Klienten mitgebe. Jeder Mensch hört anders zu, geprägt von Kultur, Rolle, Erwartungen, Sorgen. Wer das ignoriert, spricht die ganze Zeit zu sich selbst. Also: Wie ist die Kultur des Unternehmens, formell oder direkt? Was treibt die Menschen im Raum gerade um, Wachstum, Integration, Nachfolge, Krise? Wer sind sie, was haben sie veröffentlicht, wer kennt sie? Die Antwort bestimmt Ihre Kleidung, Ihre Begrüßung, Ihre Beispiele und die Reihenfolge Ihrer Argumente.
Deliver: der Jazz. Wer eine Präsentation zwanzigmal geprobt hat, kann sie im Raum loslassen. Er kennt die Akkorde und kann improvisieren: den Raum lesen, das Tempo ändern, eine Frage aufgreifen, ein Beispiel tauschen. Wer sie nicht geprobt hat, klammert sich an den Text und verliert den Raum. Das Ziel ist nicht Auswendiglernen, sondern so viel Sicherheit, dass Sie wieder frei werden.
Und danach: loslassen. Wer zu sehr am Ergebnis hängt, wirkt genau so. Manchmal war jemand anderes besser. Das passiert. Wer das akzeptiert, spricht freier.
03
Zuhören ist die unterschätzte Hälfte
Ein Gespräch auf Top-Level ist keine Einbahnstraße, in der Sie auf die nächste Frage warten. Es ist eine Begegnung zweier Menschen, die in dreißig oder sechzig Minuten eine kleine Beziehung aufbauen. Wer nur antwortet, bleibt Kandidat. Wer zuhört und intelligente Fragen stellt, wird Gesprächspartner.
Eine Struktur, die im Gespräch beschrieben wird und die ich seither empfehle: Aufnehmen, Anerkennen, Zusammenfassen, Fragen. Aufnehmen: wirklich hören, nicht schon antworten. Anerkennen: ein Nicken, ein kurzes „Verstehe“. Zusammenfassen: „Wenn ich Sie richtig verstehe, geht es Ihnen vor allem um …“ Und dann eine Frage, die zeigt, dass Sie mitdenken: „Wie entscheiden Sie im Gremium, wenn die Zahlen noch nicht belastbar sind?“ Solche Fragen bleiben hängen. Sie zeigen Interesse an der Aufgabe, nicht nur an der Position.
Zuhören ist übrigens laut Arbeitgeberbefragungen die meistgesuchte Fähigkeit überhaupt, weit vor jeder Fachkompetenz. Wer sie im Gespräch zeigt, beweist sie, statt sie zu behaupten.
Was Sie davon haben: Das Gremium erinnert sich nach dem Tag nicht an Ihre Antworten. Es erinnert sich an die Frage, die Sie gestellt haben.
04
Die innere Stimme, und drei Minuten Stille
Die lauteste Stimme im Raum ist oft die im eigenen Kopf: „Das war dumm. Sie merken, dass du nervös bist. Der andere war besser.“ Der wichtigste Gedanke aus dem Gespräch dazu: Sie sind nicht diese Stimme. Sie sind der, der ihr zuhört. Das ändert die Machtverhältnisse. Die Stimme ist der Hofnarr, der dem König einen Rat zuflüstert, und der König kann sagen: Danke, ich gehe trotzdem auf die Tanzfläche.
Wer erkennt, welche Annahme hinter der Stimme steckt („alle halten mich für zu alt“, „ich bin nur wegen der Trennung hier“), kann sie prüfen. Meistens hält sie nicht. Und wer die eigenen Werte, Absichten und Antriebe klar hat, spricht anders: Nicht, weil er sich Sätze zurechtgelegt hat, sondern weil er weiß, wofür er steht.
Die eine Übung, die ich Ihnen mitgeben möchte, kostet drei Minuten und nichts sonst: Stille. Zweimal am Tag, am ruhigsten Ort, den Sie finden, ohne Meditation, ohne Technik. Einfach sitzen und nichts hören. Wer mit Stille nicht umgehen kann, plappert im Gespräch, füllt jede Pause mit „ähm“ und „sozusagen“, spricht zu schnell und verliert die Zuhörer. Wer Stille aushält, kann im Gespräch eine Pause setzen. Und eine Pause ist das mächtigste Werkzeug, das ein Sprecher hat: Sie betont, sie verlangsamt, sie zeigt, dass Sie das Gespräch führen, nicht das Gespräch Sie.
Wenn Sie merken, dass Ihre Stimme flach, leise oder eintönig ist: Das lässt sich trainieren, mit einem Stimm- oder Sprechcoach, in wenigen Wochen. Das Instrument haben wir alle. Fast niemand hat gelernt, es zu spielen.
Ergebnis vom Ergebnis: Im Abschlussgespräch mit dem Beirat stellt der Vorsitzende die Frage, auf die Sie gewartet haben. Sie atmen, lassen zwei Sekunden Stille stehen und antworten in drei Sätzen. Danach fragt er nichts mehr. Er sagt: „Das war die Antwort, die wir gebraucht haben.“ Sie haben nicht mehr gewusst als die anderen Kandidaten. Sie haben es so gesagt, dass es angekommen ist.
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ÜBER DIE AUTORIN
Sabine Lanius ist Executive Karriereberaterin und ehemalige Headhunterin. Aktiv im Bereich Executive Sparring, Executive Search und berufliche Neuorientierung seit 1998. Rund 1.500 Führungskräfte beraten. Unabhängig von Unternehmen und Personalberatungen.
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