Zum Inhalt springen
KARRIERE-BLOG · POSITIONIERUNG UND AUSWAHLVERFAHREN

Die nächste Phase. Warum Gremien Ihre Passung zur Lage des Unternehmens kaufen und Ihre Bilanz nur die Eintrittskarte ist.

Fast die Hälfte der CEOs in Europas größten börsennotierten Unternehmen war schon einmal CEO, das Durchschnittsalter steigt. Und trotzdem sagen vier von zehn Aufsichtsräten und Vorständen, die Stärken ihres CEO passten nicht zu dem, was in den nächsten Jahren gebraucht wird. Erfahrung bleibt die Währung, aber sie wird anders gezählt: nach Passung zur Phase, nicht nach Länge der Liste. Dieser Beitrag zeigt, wie Gremien heute auswählen, wie Sie die Phase eines Zielunternehmens erkennen, bevor Sie hineingehen, und wie Sie Ihre Erfahrung so übersetzen, dass sie als Antwort auf genau diese Phase gelesen wird. Dadurch sitzen Sie im Gespräch als Lösung für ein benanntes Problem, und die Rolle des Bewerbers fällt weg.
Von Sabine Lanius · Stand: September 2026 · Lesezeit rund acht Minuten
Ein Kandidat für eine Geschäftsführung, den ich vor einiger Zeit erfolgreich beraten habe, kam aus dem zweiten Gremiumsgespräch mit einem Satz zurück, der ihn irritierte: „Ihre Erfolge sind beeindruckend. Wir sind nur nicht sicher, ob es unsere Erfolge wären.“ Er hatte zwei Stunden lang erzählt, was er aufgebaut hatte. Das Gremium hatte zwei Stunden lang überlegt, ob das zu dem passt, was bei ihnen in den nächsten drei Jahren ansteht. Beide hatten recht. Sie hatten nur nicht über dasselbe gesprochen.
01

Was sich in den Gremien verschoben hat

Lange galt die Laufbahn als Maßstab. Wer große Bereiche verantwortet, international geführt oder schon einmal ein Unternehmen geleitet hatte, erfüllte die Voraussetzungen. Vergangene Verantwortung war der Beleg für künftige Leistung. Gremien wählen heute anders, und die Zahlen dazu sind eindeutig.
In einer Befragung von rund tausend CEOs und Aufsichtsräten, davon knapp dreihundert in Europa, gaben 38 Prozent an, dass die größten Stärken ihres amtierenden CEO nicht zu dem passen, was ihr Unternehmen in den nächsten zwei bis drei Jahren am meisten braucht. In Benelux und Skandinavien war es fast jeder Zweite. Gleichzeitig hat fast die Hälfte der CEOs in Europas größten börsennotierten Unternehmen den Titel schon einmal getragen, und das Durchschnittsalter ist von 56 Jahren 2021 auf 57,5 Jahre 2026 gestiegen (Studie von Heidrick & Struggles, 2026). Die Gremien setzen also auf Erfahrung, und stellen dann fest, dass Erfahrung allein die Lücke nicht schließt.
Daraus ziehen Aufsichtsräte, Beiräte und Gesellschafter inzwischen eine Konsequenz: Die Frage im Auswahlprozess lautet nicht mehr „Wer hat das Meiste vorzuweisen?“, sondern „Wer führt uns durch das, was jetzt kommt?“ Neun von zehn Befragten erwarten grundlegende Änderungen an Strategie oder Geschäftsmodell. Sie suchen die Person für diese Änderung, nicht die Person mit der längsten Liste.
Für Sie heißt das: Ihre Bilanz ist die Eintrittskarte, nicht das Argument. Das Argument ist die Passung.
Was Sie davon haben: Sie wissen, welche Frage das Gremium im Kopf hat, und Sie beantworten sie, statt eine andere zu beantworten.
02

Vier Phasen, vier verschiedene Führungskräfte

Unternehmen stehen zu jedem Zeitpunkt in einer Phase, und jede Phase braucht ein anderes Profil an der Spitze. Aus meiner Beratung haben sich vier Grundmuster bewährt, die für die meisten Situationen tragen.
Wachstum. Das Unternehmen skaliert, neue Märkte, neue Produkte, oft frisches Kapital. Gesucht wird jemand, der Strukturen baut, ohne das Tempo zu bremsen, der Führungskräfte einstellt und entwickelt, der Wachstum finanziert bekommt. Wer hier seine Erfahrung mit Kostenprogrammen in den Vordergrund stellt, redet an der Phase vorbei.
Integration. Nach einem Zukauf, einer Fusion, einem Zusammenschluss von Bereichen. Gesucht wird jemand, der zwei Kulturen zusammenführt, Doppelstrukturen abbaut und dabei die Leistungsträger hält. Hier zählt Ihre Erfahrung mit Menschen mehr als mit Zahlen.
Restrukturierung. Ergebnis unter Druck, Bank oder Eigentümer verlangen Wende. Gesucht wird jemand, der schnell entscheidet, harte Maßnahmen umsetzt und trotzdem die Organisation mitnimmt. Wer hier nur Wachstumsgeschichten erzählt, wirkt wie die falsche Besetzung.
Nachfolge und Stabilisierung. Ein langjähriger Geschäftsführer oder Gründer geht, das Unternehmen läuft, aber die Abhängigkeit von einer Person ist groß. Gesucht wird jemand, der Bewährtes fortführt, Prozesse institutionalisiert und das Vertrauen der Belegschaft gewinnt, ohne alles umzubauen.
Die meisten Führungskräfte haben Erfahrung in zwei oder drei dieser Phasen. Die Frage ist, welche davon Sie erzählen, und ob Sie vorher wissen, in welcher Phase das Unternehmen steckt, das Ihnen gegenübersitzt.
03

Die Phase erkennen, bevor Sie hineingehen

Die Phase eines Unternehmens steht selten in der Stellenbeschreibung. Sie steht zwischen den Zeilen, und sie lässt sich in ein bis zwei Stunden Recherche gut erkennen.
Lesen Sie den Geschäftsbericht oder die Pressemitteilungen der letzten achtzehn Monate auf Verben, die Zahlen kommen später: „ausbauen“, „erschließen“, „investieren“ deutet auf Wachstum. „Zusammenführen“, „integrieren“, „harmonisieren“ auf Integration. „Anpassen“, „fokussieren“, „Effizienz“ auf Restrukturierung. „Kontinuität“, „geordneter Übergang“, „nächste Generation“ auf Nachfolge. Schauen Sie sich die Wechsel im Führungskreis der letzten zwei Jahre an: Wer ist gegangen, wer gekommen, mit welchem Hintergrund? Ein neuer CFO aus einem Sanierungsumfeld sagt mehr als jede Anzeige. Und prüfen Sie die Eigentümerseite: Ein Investor im dritten Jahr seiner Beteiligung hat andere Erwartungen als eine Familie in der dritten Generation.
Dann fragen Sie. Im Erstgespräch mit dem Personalberater ist die Frage „In welcher Phase steht das Unternehmen aus Sicht des Gremiums, und was soll in drei Jahren anders sein?“ die wichtigste, die Sie stellen können. Sie zeigt, dass Sie in Phasen denken, und Sie bekommen die Antwort, an der Sie Ihre Erzählung ausrichten. Wie Berater im Erstgespräch prüfen, steht im Beitrag Erst der Berater, dann das Unternehmen.
Was Sie davon haben: Sie gehen in jedes Gespräch mit einer Hypothese, in welcher Phase das Unternehmen steckt, und Sie prüfen sie, statt blind zu erzählen.
04

Ihre Bilanz in die Sprache der Phase übersetzen

Übersetzen heißt nicht, Ihre Laufbahn umzuschreiben. Es heißt, aus zwanzig Jahren die Episoden auszuwählen, die eine Antwort auf die Phase des Unternehmens sind, und sie so zu erzählen, dass das Gremium die Antwort hört.
Eine Wirkungsgeschichte pro Phase, die Sie belegen können, in drei Schritten: die Ausgangslage, so konkret, dass das Gremium seine eigene Situation wiedererkennt. Was Sie entschieden haben, und was Sie bewusst nicht getan haben. Das Ergebnis, in Zahlen, mit dem Zeitraum. Für ein Unternehmen in der Integration erzählen Sie die Zusammenführung von zwei Vertriebsorganisationen, nicht das Wachstum in Asien, auch wenn das Wachstum die größere Zahl hat. Die größere Zahl beeindruckt. Die passende Geschichte überzeugt.
Dazu gehört der Satz, mit dem Sie die Brücke bauen, und den die meisten Kandidaten nicht sagen: „Ich habe verstanden, dass Sie in den nächsten drei Jahren vor allem X brauchen. Dazu habe ich in Y folgendes getan, und das würde ich bei Ihnen so angehen.“ Dieser Satz macht aus Ihrer Vergangenheit einen Vorschlag für die Zukunft. Er ist das Gegenteil der Aufzählung.
Und er wirkt nur, wenn er ehrlich ist. Wenn Ihre Erfahrung zur Phase des Unternehmens nicht passt, hilft keine Übersetzung. Dann ist die richtige Entscheidung, das früh zu erkennen und die Energie in Unternehmen zu stecken, deren Phase zu Ihnen passt. Das spart Ihnen Monate in Verfahren, die Sie nicht gewinnen können, und schont die Position für die, die Sie gewinnen.
Ergebnis vom Ergebnis: Zweites Gremiumsgespräch, der Aufsichtsratsvorsitzende beschreibt die Lage: zwei zugekaufte Töchter, die noch nebeneinander arbeiten. Sie hören zu, und dann erzählen Sie in vier Minuten, wie Sie 2019 zwei Vertriebsorganisationen zusammengeführt haben, wen Sie gehalten haben und wie lange es gedauert hat. Am Ende fragt niemand mehr nach Ihrem Lebenslauf. Die Frage lautet, wann Sie anfangen können.
WEITERLESEN

Was Sie sonst noch interessieren könnte

AUSWAHLVERFAHREN

Kein Vorstellungsgespräch: Das Gespräch auf C-Level vom Verhör zum Dialog

Wer Ihnen wirklich gegenübersitzt, fünf Elemente der Vorbereitung, die Gehaltsfrage und die Schlussfrage, die ein Nachgespräch auslöst.
AUSWAHLVERFAHREN

Erst der Berater, dann das Unternehmen: Wie Personalberater im Erstgespräch prüfen

Der Schlüssel 50/30/20, was die Kamera verrät, wie das Gespräch aufgebaut ist und die Frage, die Ihre Führung offenlegt.
POSITIONIERUNG

Noch nie CXO gewesen? Den nächsten Schritt belegen

Warum der Sprung der Normalfall ist, worauf Entscheider achten, wo Ihre Belege liegen und vier Fragen für das Vorstellungsgespräch.
Sabine Lanius
ÜBER DIE AUTORIN
Sabine Lanius ist Executive Karriereberaterin und ehemalige Headhunterin. Aktiv im Bereich Executive Sparring, Executive Search und berufliche Neuorientierung seit 1998. Rund 1.500 Führungskräfte beraten. Unabhängig von Unternehmen und Personalberatungen.

Erzählen Sie Ihre Bilanz, oder die Antwort auf die Phase? Ein Erstgespräch mit Sabine Lanius zu Ihrer Erzählung.

Zwanzig Minuten am Telefon, vertraulich, kostenfrei. Wir klären, für welche Phasen Ihre Erfahrung die Antwort ist, welche Wirkungsgeschichten dafür tragen und welche Unternehmen gerade in dieser Phase stehen.

Sabine Lanius Coaching & Consulting GmbH

Berger Straße 174
60385 Frankfurt am Main
info@sabine-lanius.de