Über-50-Mythos
Der Über-50-Mythos ist die Überzeugung, dass Führungskräfte ab fünfzig auf dem Markt keine Chance mehr haben. Sie stammt aus der angelsächsischen Arbeitswelt, erfüllt sich leicht selbst, und in der Analyse stockender Neuorientierungen kommt das Alter fast nie als Hauptursache heraus.
Wie es in der Praxis läuft
Zwei Frankfurter Personalberater, lange im Markt, sagten unabhängig voneinander dasselbe: Bis etwa 53 oder 55 hat eine Führungskraft mit belastbarem Werdegang keine grundsätzlichen Probleme, auch mit 58 gibt es Mandate. Mandanten fragen nach Erfahrung mit genau ihrer Situation, Carve-out, Nachfolge, Sanierung, und die hat jemand mit 35 selten. Das Alter steht in keinem Suchprofil. Es taucht erst auf, wenn andere Dinge nicht stimmen.
Vier Gründe stecken hinter den meisten stockenden Suchen über fünfzig: eine Suchstrategie aus der Zeit, als man noch abgeworben wurde, eine unscharfe Positionierung, ein Lebenslauf, der Geschichte statt Nutzen erzählt, und ein Selbstbild, das nach drei Absagen zu kippen beginnt. Das Gehalt kommt als fünfter Grund dazu: In der Beobachtung der Berater scheitert eine Besetzung häufiger am Paket als am Geburtsjahr.
Was das für Sie als Führungskraft bedeutet
Der Mythos ist gefährlich, weil er sich selbst erfüllt. Wer glaubt, zu alt zu sein, bewirbt sich defensiv, nennt eine niedrigere Gehaltsvorstellung, erklärt sein Alter, bevor jemand gefragt hat, und wird genau dadurch als jemand gelesen, mit dem etwas nicht stimmt. Die Absage bestätigt dann den Mythos.
Erfahrung ist kein Makel. Sie muss als Antwort auf ein konkretes Problem erzählt werden: „Ich habe zwei Nachfolgen in Familienunternehmen gestaltet“ ist ein Argument, „28 Jahre Berufserfahrung“ ist eine Zahl. Bewerben Sie sich bei achtzig bis neunzig Prozent Passung. Wer auf hundert Prozent wartet, wartet lange, und die Mitbewerber tun es nicht.
Worauf Sie achten sollten
Prüfen Sie die vier Gründe, bevor Sie das Alter verantwortlich machen. Spricht Ihr LinkedIn-Profil die Sprache aktueller Suchprofile? Steht in Ihrem Lebenslauf, was Sie bewirkt haben, oder nur, wo Sie waren? Sondieren Sie dort, wo Positionen auf Ihrer Ebene vergeben werden, oder beantworten Sie Anzeigen? Und: Ist Ihre Gehaltsvorstellung aus dem Markt abgeleitet oder aus dem letzten Vertrag? Jede dieser Fragen hat eine Antwort, an der sich arbeiten lässt. Das Geburtsjahr hat keine.
Sabines Blick
Bei einer Geschäftsführungsbesetzung mit 160 Bewerbungen fanden sich vier Frauen, obwohl der Mandant ausdrücklich Kandidatinnen wünschte. Für eine Position, die Erfahrung verlangt, gibt es weniger Bewerber, nicht mehr. Das ist die Seite des Marktes, über die niemand spricht, wenn er über das Alter klagt. In meiner Beratung ist das Alter in fast dreißig Jahren selten der Grund gewesen, warum eine Neuorientierung stockte.