Generalisten-Falle
Die Generalisten-Falle beschreibt den Irrtum, dass ein breites Profil auf Top-Level mehr Chancen eröffnet. Tatsächlich wird dort nach Risikominimierung besetzt. Ein Profil, das für vieles steht, wirft dem Entscheider zwei offene Fragen auf, die er lieber vermeidet: Was kann diese Person wirklich, und will sie das überhaupt?
Wie es in der Praxis läuft
Auf unteren und mittleren Ebenen wird nach Potenzial besetzt. Breite ist dort ein Vorteil, weil das Unternehmen in die Entwicklung investiert und flexibel einsetzen will. Auf Führungsebene dreht sich die Logik. Der Entscheider, ob Gesellschafter, Aufsichtsrat oder CEO, trägt die Verantwortung für die Besetzung persönlich. Eine Fehlbesetzung kostet ihn Geld, Zeit und Reputation.
Deshalb fragt er nicht, was diese Person alles könnte. Er fragt, ob sie genau dieses Problem schon einmal gelöst hat. Ein Personalberater, der eine Shortlist baut, sucht dieselbe Antwort. Er braucht für jeden Kandidaten einen Satz, mit dem er ihn dem Mandanten vorstellen kann. „Kann vieles“ ist kein solcher Satz.
Was das für Sie als Führungskraft bedeutet
Führungskräfte mit exzellentem Werdegang landen monatelang in der Kategorie „interessant“. Und „interessant“ wird nie angerufen. Der Berater legt das Profil ab, weil er es keinem Mandat zuordnen kann, und der Entscheider legt es ab, weil er die Übersetzungsarbeit nicht leisten will.
Schärfe ändert das. Wer sich als „CFO für Carve-outs im Mittelstand“ positioniert, wird für Carve-outs gefunden, und zwar von denen, die genau das brauchen. Er verliert die Chancen, die er ohnehin nicht bekommen hätte, und gewinnt die, bei denen er der naheliegende Kandidat ist. Das Telefon klingelt seltener, aber mit den richtigen Anrufen.
Worauf Sie achten sollten
Der Einwand kommt fast immer: „Aber ich will mir keine Tür verbauen.“ Offenheit kommt im Markt als Unschärfe an, und Unschärfe liest der Entscheider als Risiko.
Auch der CEO ist kein Generalist. Er ist Spezialist für die Führung von Spezialisten in einer bestimmten Situation, so wie ein Zehnkämpfer Spezialist für den Zehnkampf ist und nicht Generalist der Leichtathletik. Die Frage lautet also nicht, ob Sie sich spezialisieren sollen, sondern auf welche Situation. Ein Dach mit drei Säulen hält die Breite, ohne unscharf zu werden.
Sabines Blick
Ich erlebe diesen Moment in fast jeder Beratung. Jemand mit zwanzig Jahren Verantwortung sagt: „Ich kann doch vieles.“ Und er hat recht. Aber der Markt kauft keine Fähigkeiten, er kauft Lösungen für ein konkretes Problem. Sobald Klienten das verstanden haben, ändert sich ihr Ton in Gesprächen. Sie erklären nicht mehr, was sie alles gemacht haben, sondern sagen, wofür man sie holt. Und genau dann werden sie geholt.