Branchenwechsel
Ein Branchenwechsel auf Top-Level trägt, wenn die Funktion übertragbar ist oder die Situation des Unternehmens das Verbindende bildet. Er bricht, wenn Produkt-, Markt- oder Regulierungswissen den Kern der Rolle ausmacht. Entscheider wählen Externe aus anderen Branchen gezielt, aber nur in bestimmten Situationen.
Wie es in der Praxis läuft
Joseph L. Bower von der Harvard Business School hat über 1.800 Nachfolgen auf der Position des Vorstandsvorsitzenden analysiert. Interne Nachfolger schneiden im Durchschnitt deutlich besser ab als externe. Der Grund liegt im Wissen, das man nicht in einem Jahr lernt: Jede Branche hat ihre Produkte, ihre Kunden, ihre Regulierung und ihre ungeschriebenen Regeln. Achtzehn Monate ist etwa die Frist, in der Gremien Ergebnisse erwarten.
Trotzdem werden Externe gesucht, und zwar bewusst, in fünf Situationen: im Strukturwandel, in der echten Krise, bei einem Geschäftsmodellwechsel, bei Nachfolgelücken und wenn ein Gesellschafter frische Sicht will. Dann zählt nicht die Branche, sondern dass jemand genau diese Situation schon einmal durchgestanden hat.
Was das für Sie als Führungskraft bedeutet
Funktionen unterscheiden sich in ihrer Übertragbarkeit. Finanzen, Personal, IT und Einkauf tragen über Branchen hinweg, weil ihre Werkzeuge ähnlich sind. Vertrieb und Produktmanagement tragen selten, weil dort Kunden- und Produktwissen den Kern bilden. Die Geschäftsführung liegt dazwischen: Sie trägt, wenn die Situation passt, und bricht, wenn das Gremium Branchenwissen als Pflicht sieht.
Für Sie heißt das: Suchen Sie nicht nach Branchen, die Ihnen gefallen, sondern nach Situationen, die Sie gelöst haben. Ein Werkleiter aus der Automobilzulieferung führt heute die Produktion eines Maschinenbauers. Der Gesellschafter hatte zwei Werke zu konsolidieren und sagte im Gespräch: „Sie haben genau das Problem schon gelöst.“ Die Branche war ihm egal.
Worauf Sie achten sollten
„Meine Erfahrung ist übertragbar“ ist der schwächste Satz, den Sie sagen können. Er verlangt vom Entscheider, die Übersetzung selbst zu leisten, und das tut er nicht. Übertragbarkeit wird belegt: mit einer Situation, die der des Zielunternehmens gleicht, mit einem Ergebnis in Zahlen und mit dem Nachweis, dass Sie die Branche inzwischen verstehen.
Ein zweiter Irrtum: Breite hilft. Wer sich für drei Branchen gleichzeitig anbietet, landet in der Generalisten-Falle. Ein Wechsel gelingt eher aus einer scharfen Position heraus, mit einer klaren Zielbranche und einer Begründung, die ein Entscheider in einem Satz weitersagen kann.
Sabines Blick
Ich frage Klienten, die wechseln wollen, zuerst, warum. „Weil in meiner Branche nichts mehr geht“ ist ein Fluchtmotiv, und Gremien riechen das. „Weil das Problem, das dieses Unternehmen hat, mein Problem ist“ ist ein Angebot. Der Unterschied entscheidet, ob der Wechsel als Risiko oder als Lösung gelesen wird. Ein Dach und drei Säulen helfen dabei, denn eine Säule darf die Zielbranche sein, das Dach bleibt die Situation.