Anschreiben als Angebot
Auf Führungsebene ist das Anschreiben kein Begleitbrief, sondern ein Angebot an das Unternehmen. Es beantwortet auf einer Seite drei Fragen: Was wollen Sie hier tun, wofür sind Sie Ihr Geld wert und was können Sie besser als andere? Der Lebenslauf liefert danach die Belege.
Wie es in der Praxis läuft
Zwischen offenem und verdecktem Markt gibt es einen Unterschied, der bekannt ist, aber wenig beachtet wird. Bei einer Ausschreibung liest der Empfänger zuerst den Lebenslauf, das Anschreiben oft gar nicht. Bei einer direkten Ansprache an einen Entscheider ist es umgekehrt: Ohne den Kontext des Anschreibens kann er den Lebenslauf nicht einordnen, weil er gar keine Position im Kopf hat, gegen die er ihn prüfen könnte.
Deshalb funktioniert im verdeckten Stellenmarkt das klassische Bewerbungsschreiben nicht. Es bezieht sich auf eine Anzeige, die es nicht gibt, und bittet um eine Stelle, die noch niemand definiert hat. Was stattdessen trägt, ist eine Seite, die ein Problem des Unternehmens benennt und ein Angebot formuliert, es zu lösen.
Was das für Sie als Führungskraft bedeutet
Das Angebot beantwortet drei Fragen. Erstens: Was wollen Sie in diesem Unternehmen tun, konkret, mit Bezug auf eine Situation, die Sie recherchiert haben? Zweitens: Wofür sind Sie Ihr Geld wert, also welches Ergebnis haben Sie in vergleichbarer Lage erzielt, mit Zahl? Drittens: Was können Sie besser als andere, die dasselbe anbieten?
Der Wechselgrund gehört in einen Satz, ehrlich, ohne Drama und ohne Rechtfertigung. Und die Seite endet mit der Bitte um ein Gespräch, nicht um eine Position. Wer so schreibt, bekommt andere Antworten: Statt „Wir haben derzeit keine passende Vakanz“ kommt „Lassen Sie uns telefonieren“.
Worauf Sie achten sollten
Der Perspektivwechsel klingt einfach und ist die häufigste Hürde, die ich in der Beratung erlebe. Führungskräfte sind es gewohnt, Angebote zu bewerten, nicht selbst eines zu sein. Das Ergebnis sind Texte, die den Werdegang nacherzählen und dem Leser die Übersetzungsarbeit überlassen.
Ein einfacher Test: Lesen Sie die Seite laut vor. Dauert das länger als dreißig Sekunden, ist sie zu lang. Kommt in den ersten drei Sätzen kein Ergebnis mit Zahl vor, ist sie zu weich. Steht das Wort „ich“ öfter als das Unternehmen, ist die Blickrichtung falsch.
Sabines Blick
Ich erlebe in fast jeder ersten Fassung denselben Satz: „Ich verfüge über langjährige Erfahrung in der Führung internationaler Teams.“ Er stimmt, und er sagt dem Leser nichts. In der dritten Fassung steht dann meist ein Satz über das Unternehmen, über ein Problem, das dort offen liegt, und darüber, dass genau dieses Problem schon einmal gelöst wurde, mit Zahl. Derselbe Lebenslauf, ein anderes Gespräch. Das Anschreiben als Angebot ist für mich der Moment, in dem eine Führungskraft aufhört, sich zu bewerben, und anfängt, zu verhandeln.