KARRIERE-BLOG · BERUFLICHE NEUORIENTIERUNG 60+
Berufsleben nach sechzig? Ja. Sieben Wege für Führungskräfte, die weitergestalten wollen, statt Rosen zu schneiden.
Ein Geschäftsführer, 59, sein Leben lang Maschinenbau, weltweit unterwegs, verliert nach einem Merger seine Position. Er sagt mir im Erstgespräch: „Ich will nicht aufhören. Nicht weil ich muss, sondern weil ich gestalten will.“ Solche Gespräche führe ich immer häufiger. Der Anstellungsmarkt für 60+ ist eng, das muss man ehrlich sagen. Aber er ist eine von sieben Möglichkeiten, und die anderen sechs kennen die meisten nur vom Hörensagen. Dieser Beitrag beschreibt sie, mit dem, was jede verlangt. Dadurch treffen Sie die Entscheidung über Ihre nächsten zehn Jahre aus Optionen, nicht aus Verlegenheit.
Von Sabine Lanius · Stand: September 2026 · Lesezeit rund acht Minuten
Ich habe darüber mit einem Kollegen gesprochen, den ich seit über zwanzig Jahren kenne und der mit Mitte fünfzig selbst in die Selbstständigkeit gegangen ist. Wir schauen aus zwei Richtungen auf dieselbe Frage: er von der Siebzig, ich von der Sechzig. Was uns verbindet, ist die Beobachtung, dass die Menschen, die zu uns kommen, nicht aufhören wollen. Sie wollen anders weitermachen. Und dass die meisten dafür zu wenige Optionen kennen.
01
Warum der Anstellungsmarkt eng wird, und warum das nicht das Ende ist
Das gesetzliche Rentenalter liegt bei 67. Das tatsächliche Renteneintrittsalter in Deutschland liegt seit Jahren deutlich darunter, um die 61. Der Grund ist nicht Faulheit. Viele können es sich leisten, und viele erleben die Arbeitsbedingungen für 60+ in ihren Unternehmen als so unattraktiv, dass sie gehen. Zugleich bekommen Führungskräfte zwischen 55 und 60 überdurchschnittlich oft Aufhebungsangebote: Umstrukturierung, „frisches Blut“, zu teuer. Und wer dann mit 58 oder 60 wieder eine Anstellung sucht, merkt schnell: Es geht, aber es ist eine andere Liga. Weniger Positionen, mehr Vorbehalte, längere Wege.
Das ist die eine Seite. Die andere: Fast ein Viertel der Bevölkerung ist 65 oder älter, jeden Tag kommen Tausende dazu, und die Unternehmen merken, dass sie diese Erfahrung brauchen. Ich kenne inzwischen mehrere Häuser, die ehemalige Führungskräfte aus dem Ruhestand zurückholen, für Projekte, Übergaben, Krisen. Ein Industriekonzern hat dafür eine eigene Gesellschaft gegründet, die ausgeschiedene Senior Experts für Einsätze im Konzern vorhält. Das ist Interim Management im Kleinen, und es funktioniert.
Die Frage ist also nicht, ob es nach sechzig weitergeht. Die Frage ist, in welcher Form. Und dafür gibt es mehr Formen, als die meisten denken.
Was Sie davon haben: Sie hören auf, den Anstellungsmarkt als einzigen Maßstab zu nehmen, und fangen an, Ihre Erfahrung als Angebot zu sehen, das in mehreren Formen gefragt ist.
02
Die sieben Wege
1. Interim Management. Projekte auf Zeit, in fast jeder Branche und Funktion: Vakanzüberbrückung, Werkleitung, Digitalisierung, HR-Projekte, Auslandseinsätze. Das Vorurteil, Interim sei nur Sanierung und toxisches Umfeld, stimmt nicht. Der Vorteil: Wer mit guten Providern arbeitet, muss nicht selbst akquirieren. Der Preis: etwas niedrigere Tagessätze, und die Bereitschaft, wochenweise weg zu sein. Dazu habe ich einen eigenen Beitrag geschrieben.
2. Beratung im angestammten Feld. Sie nehmen aus dreißig Jahren die zwei, drei Problemlösungen heraus, die Sie mehrfach erfolgreich bewältigt haben und die Ihnen Freude machen, und bieten genau die an. Nicht „Unternehmensberatung“, sondern „Post-Merger-Integration im Maschinenbau-Mittelstand“. Weg vom Generalisten, hin zum Spezialisten. Das ist übrigens die Strategie, die auch für eine erneute Anstellung am besten funktioniert.
3. Personalberatung. Wer ein großes, gepflegtes Netzwerk in seiner Branche hat, ist für Headhunter interessant: als Partner, der Mandate mitbringt und Kandidaten kennt. Der Wechsel auf die andere Seite des Tisches gelingt am besten aus einer Position heraus, nicht aus der Freistellung.
4. Aufsichtsrat, Beirat, Lehre. Gremien suchen Erfahrung, aber sie berufen nach Netzwerk und Persönlichkeit, nicht nach Bewerbung. Hochschulen suchen Lehrbeauftragte mit Praxis. Beides ist selten ein volles Einkommen, aber eine tragende Säule in einem Portfolio aus mehreren Tätigkeiten.
5. Franchise. In Deutschland unterschätzt. Sie kaufen sich in ein fertiges, geprüftes Geschäftsmodell ein, mit Marke, Prozessen, Vertragsmustern, Marketing. Es gibt über zweitausend Konzepte mit sehr unterschiedlichem Reifegrad und Investitionsbedarf. Der Deutsche Franchiseverband bietet eine kostenfreie, anonyme Checkliste und ein Beratungsgespräch mit drei geprüften Vorschlägen. Voraussetzung: Sie sind bereit zu investieren und den Gewinn zu teilen. Dafür sparen Sie den Aufbau von null.
6. Der Spurwechsel. Etwas ganz anderes, aus Leidenschaft: der Manager, der sein Segelboot verchartert und selbst skippert; der Ruderer, der Rennboote baut; der Berater, der mit seiner Frau in einem alten Haus ein Boardinghouse mit Weinbar eröffnet. Das ist kein Klischee, das sind Klienten. Der Spurwechsel verlangt am meisten Mut und am meisten Vorbereitung, und er ist der, von dem hinterher niemand sagt, er hätte es nicht tun sollen.
7. Ehrenamt und Gesellschaft. Wenn Geld nicht mehr dominiert: NGOs, politische Bildung, Stiftungen, Mentoring. Für Menschen, die gestalten wollen, ist das keine Beschäftigungstherapie, sondern Wirkung mit anderem Maßstab.
Und natürlich der achte Weg, den ich nicht unterschlage: die erneute Anstellung. Sie ist möglich, sie braucht eine scharfe Positionierung und einen systematischen Zugang zum verdeckten Markt, und sie ist eine Option unter mehreren, nicht die einzige.
03
Was jeder Weg verlangt: die drei Fragen vorher
Erste Frage: Kann ich Unternehmer sein? Sechs der sieben Wege bedeuten Selbstständigkeit. Wer dreißig Jahre im Konzern gut umsorgt war, unterschätzt, was das heißt: Verantwortung für Entscheidungen, Risiken, Akquise, Umsatzsteuer, Auslastung. Das darf man nicht blauäugig angehen. Aber es lässt sich lernen, und es lässt sich delegieren: Für ein funktionierendes Geschäft braucht es Fachwissen, Marketing und Finanzen, und kaum jemand kann alle drei. Wer weiß, was er nicht kann, sucht sich das ergänzende Puzzleteil: einen Partner, einen Dienstleister, den Ehepartner, der die Buchhaltung macht.
Zweite Frage: Steht mein Umfeld dahinter? Wenn zu Hause der Satz fällt „Du hast sie nicht mehr alle“, ist das eine schlechte Voraussetzung. Die Familie gehört ins Boot, bevor der erste Schritt gemacht wird. Und Sie brauchen Menschen um sich, die positiv sind: Unterstützer, nicht Bedenkenträger.
Dritte Frage: Muss ich, oder will ich? Das ist der eigentliche Unterschied zur ersten Karriere. Früher musste man. Jetzt kann man, und jetzt will man. Wer aus dieser Haltung arbeitet, kann steuern: ein Projekt annehmen, wenn es passt, und eines ablehnen, wenn nicht. Das ist eine Freiheit, die es mit vierzig nicht gab. Und sie ist das beste Mittel gegen das, was auf viele nach dem Ausscheiden wartet: das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden, den Anschluss zu verlieren. Wer wieder angerufen wird, „könntest du für uns mal …“, wächst sichtbar ein Stück.
Was Sie davon haben: Sie prüfen den Weg, bevor Sie ihn gehen, und Sie gehen ihn mit Menschen, die Sie tragen, statt bremsen.
04
Das Mindset: weg von, hin zu
Es gibt zwei Antriebe für Veränderung. Weg von: „Auf keinen Fall noch einmal Konzern.“ Das höre ich fast immer, und es ist ein legitimer Anfang. Aber es trägt nicht weit. Hin zu: „Ich will das und das tun, für die und die Menschen, in dem und dem Umfeld.“ Das ist die Frage, bei der es schwierig wird, und die entscheidende. Wer sie beantworten kann, findet den Mut für den Schritt, weil er weiß, wofür.
Dafür braucht es keine große Vision, sondern eine ehrliche Bestandsaufnahme: Welche Aufgaben aus dreißig Jahren würde ich noch einmal machen wollen, welche nie wieder? Wo war ich gut und hatte Freude daran? Aus dieser Schnittmenge entsteht das Angebot, egal in welcher der sieben Formen.
Und noch etwas, das ich meinen Klienten mitgebe: Sie müssen nicht in einem Termin entscheiden. Berufsleben nach sechzig ist selten ein Schnitt, es ist ein Gleiten. Die Schwerpunkte verschieben sich: erst achtzig Prozent Beratung und ein Beirat, dann fünfzig und zwei, dann ein Lehrauftrag und ein Ehrenamt. Wer so denkt, muss nicht „aufhören“. Er hört nur auf, das zu tun, was ihm keine Freude mehr macht.
Eine Bekannte meines Kollegen, Regisseurin und Schauspielerin, stand mit hundert Jahren noch auf der Bühne und gab Stimmtraining. Nicht, weil sie musste. Weil sie es liebte. Das ist die Messlatte, nicht das Rentenalter.
Ergebnis vom Ergebnis: Zwei Jahre nach dem Aufhebungsvertrag sitzen Sie in einem Beirat, führen zwei Interim-Mandate im Jahr und unterrichten ein Semester. Ihr früherer Arbeitgeber ruft an und fragt, ob Sie eine Integration begleiten können, drei Monate. Sie schauen in den Kalender und sagen: „Ab April.“ Sie arbeiten weniger als früher, verdienen gut, und niemand bestimmt mehr, wann Sie aufhören. Sie selbst auch nicht. Sie gleiten.
WEITERLESEN
Was Sie sonst noch interessieren könnte
ÜBER DIE AUTORIN
Sabine Lanius ist Executive Karriereberaterin und ehemalige Headhunterin. Aktiv im Bereich Executive Sparring, Executive Search und berufliche Neuorientierung seit 1998. Rund 1.500 Führungskräfte beraten. Unabhängig von Unternehmen und Personalberatungen.
Welcher der sieben Wege passt zu Ihren nächsten zehn Jahren? Ein Erstgespräch mit Sabine Lanius über Ihre Optionen nach sechzig.
Zwanzig Minuten am Telefon, vertraulich, kostenfrei. Wir sortieren, welche Wege für Ihr Profil realistisch sind und womit Sie anfangen.
Sabine Lanius Coaching & Consulting GmbH
Berger Straße 174
60385 Frankfurt am Main
info@sabine-lanius.de
ANGEBOT
KUNDEN & ÜBER
INSIDERWISSEN