KARRIERE-BLOG · NACHFOLGE UND POSITIONIERUNG
Das Gremium schweigt. Warum Sie als interner Nachfolgekandidat den Markt parallel prüfen sollten.
Sie gelten im Haus als die Nummer zwei, vielleicht als natürliche Nachfolge. Der CEO ist im siebten Jahr, das Gremium hat das Thema Nachfolge auf der Agenda, und mit Ihnen hat darüber noch niemand gesprochen. Diese Lage ist häufiger, als man denkt, und sie kostet: Energie, Verhandlungsposition, Jahre. Dieser Beitrag zeigt, warum Nachfolgeprozesse von innen wie eine Black Box wirken, welche Signale Sie lesen können, wie Sie das Gespräch führen, ohne illoyal zu wirken, und warum die interne Option nur dann stark ist, wenn Sie eine externe haben. Dadurch entscheiden Sie über Ihre nächsten Jahre selbst, statt auf ein Zeichen zu warten, das vielleicht nie kommt.
Von Sabine Lanius · Stand: September 2026 · Lesezeit rund sieben Minuten
Ein COO, Mitte fünfzig, seit elf Jahren im Unternehmen, saß vor einem halben Jahr bei mir. Der CEO hatte zweimal öffentlich gesagt, er wolle „in absehbarer Zeit“ übergeben. Der Aufsichtsratsvorsitzende hatte beim Sommerfest gesagt, man sei „gut aufgestellt“. Mehr nicht. Seit zwei Jahren. „Ich weiß nicht, ob ich warte oder ob ich übersehen werde“, sagte er. Ich musste kurz schlucken, weil ich diesen Satz in verschiedenen Fassungen so oft höre. Er beschreibt eine der teuersten Warteschleifen, die es auf Führungsebene gibt.
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Warum Nachfolge von innen eine Black Box ist
Nachfolgeplanung gehört zu den wichtigsten Aufgaben eines Aufsichtsrats oder Beirats, und sie wird trotzdem oft erst dann ernsthaft betrieben, wenn der Druck da ist. Bis dahin bleibt sie ein Thema für die Sitzung im kleinen Kreis. Interne Kandidaten erfahren davon meist nur, dass es das Thema gibt, nicht, wie sie darin vorkommen. Sie wissen nicht, nach welchen Kriterien Bereitschaft beurteilt wird, welcher Zeitplan gilt und ob parallel extern gesucht wird.
Das ist kein Versehen, es ist Struktur. Gremien haben zwei Sorgen: ein Wettrennen zwischen den Kandidaten auszulösen, und einen Kandidaten zu verlieren, dem sie zu früh zu viel gesagt haben. Die Folge ist Schweigen, und das Schweigen ist für die Kandidaten teurer als jede klare Absage. Eine aktuelle Untersuchung beschreibt genau diese beiden Muster: Der Kandidat, der jahrelang ohne Signal wartet und dessen Energie sich zwischen der heutigen Rolle und der Deutung von Andeutungen aufteilt. Und der Kandidat, der plötzlich erfährt, dass er im Prozess ganz vorn steht, und gar nicht sicher ist, ob er das will (Egon Zehnder, 2026).
Dazu kommt eine Bewegung im Markt, die den Druck erhöht: Die CEO-Wechselquote lag 2025 bei 12,5 Prozent, nach 9,8 Prozent im Jahr davor (Studie von The Conference Board, Egon Zehnder und Semler Brossy, 2026). Mehr Wechsel heißt mehr Nachfolgeentscheidungen, und die meisten davon werden unter Zeitdruck getroffen, oft mit einem externen Kandidaten, den ein Personalberater in sechs Wochen gefunden hat.
Was Sie davon haben: Sie hören auf, das Schweigen persönlich zu nehmen, und fangen an, es als das zu lesen, was es ist: eine Struktur, in der Sie handeln müssen, statt zu warten.
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Schweigen lesen: fünf Signale
Schweigen ist nicht gleich Schweigen. Aus vielen Fällen habe ich fünf Signale gesammelt, an denen sich ablesen lässt, ob Sie in der Nachfolge tatsächlich vorkommen.
Erstens: Sichtbarkeit im Gremium. Werden Sie zu Aufsichtsrats- oder Beiratssitzungen eingeladen, um Ihren Bereich selbst zu präsentieren? Kandidaten, die das Gremium ernsthaft in Betracht zieht, bekommen diese Bühne. Wer seit Jahren nur über den CEO berichtet, wird nicht aufgebaut.
Zweitens: Entwicklungsaufgaben. Bekommen Sie Projekte, die über Ihren Bereich hinausgehen, ein Zukauf, eine Strategieinitiative, ein Auslandsgeschäft? Das ist die Art, wie Gremien Bereitschaft testen. Bleibt Ihr Zuschnitt seit Jahren gleich, testet niemand.
Drittens: Der CEO als Fürsprecher. Spricht der amtierende CEO mit Ihnen über seine Nachfolge, auch nur andeutungsweise? Ein CEO, der seinen Nachfolger will, bereitet ihn vor. Ein CEO, der schweigt, hat entweder keinen Plan oder einen anderen.
Viertens: Externe Berater im Haus. Ist ein Personalberater mit einer Bestandsaufnahme der Führung beauftragt, ein sogenanntes Assessment der ersten und zweiten Ebene? Dann läuft der Prozess, und Sie sind Teil davon, ob Sie es wissen oder nicht.
Fünftens: Die Reaktion auf Ihre Frage. Wenn Sie das Thema direkt ansprechen (dazu gleich mehr) und die Antwort ausweichend bleibt, ist das die Antwort.
Zwei oder mehr dieser Signale negativ: Behandeln Sie die Nachfolge als eine von mehreren Optionen, und setzen Sie nichts allein darauf. Alle fünf positiv: Bleiben Sie dran, aber sichern Sie sich trotzdem ab, wie das nächste Kapitel zeigt.
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Das Gespräch führen, ohne illoyal zu wirken
Die meisten internen Kandidaten stellen die Frage nie, aus Sorge, drängend oder ehrgeizig zu wirken. Diese Sorge ist verständlich und teuer. Ein Gremium erwartet von einem künftigen CEO, dass er über seine eigene Rolle sprechen kann. Wer die Frage nicht stellt, beantwortet sie damit selbst.
Der richtige Gesprächspartner ist in der Regel der CEO, in Familienunternehmen manchmal der Gesellschafter, in Konzernen der Vorsitzende des Gremiums, aber nur, wenn es einen direkten Draht gibt. Der richtige Zeitpunkt ist ein regulärer Termin, kein extra anberaumtes Gespräch, das Gewicht erzeugt. Und der richtige Ton ist ruhig, in drei Sätzen: „Ich plane meine nächsten Jahre und möchte wissen, wie das Unternehmen mich sieht. Wenn die Nachfolge ein Weg ist, will ich mich darauf vorbereiten. Wenn nicht, möchte ich das wissen, damit ich meine Entscheidungen darauf einstellen kann.“
Dieser Satz drängt nicht und droht nicht. Er stellt fest, dass Sie Entscheidungen treffen werden, so oder so. Genau das erwartet man von jemandem, der ein Unternehmen führen soll.
Dann die Sechs-Monats-Regel: Nach diesem Gespräch geben Sie dem Unternehmen sechs Monate, um aus Worten Handlungen zu machen. Sichtbarkeit im Gremium, ein Entwicklungsauftrag, ein Termin für den nächsten Schritt. Passiert in sechs Monaten nichts Belegbares, haben Sie Ihre Antwort, freundlich verpackt.
Was Sie davon haben: Sie haben die Frage gestellt, die Sie seit zwei Jahren mit sich herumtragen, und Sie haben eine Frist, nach der Sie nicht mehr deuten müssen.
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Die externe Option, leise aufgebaut
Die interne Nachfolge ist eine Option. Sie ist erst dann eine starke Option, wenn Sie eine zweite haben. Wer nur die eine hat, wartet, nimmt, was kommt, und verhandelt am Ende aus der schwächeren Position, auch intern. Wer eine externe Option hat, führt das Gespräch mit dem Gremium anders, und das Gremium merkt es.
Die externe Option entsteht durch Sichtbarkeit bei den Richtigen, ohne eine einzige Bewerbung, und zwar so, dass es im Haus niemand als Suche liest. In der Reihenfolge: Erst die Positionierung, in einem Satz, den ein Berater weitergeben kann, nicht „COO mit breiter Erfahrung“, sondern „führt Industrieunternehmen durch die Skalierungsphase nach dem Eigentümerwechsel“. Dann das LinkedIn-Profil, leise geschärft, mit abgeschalteter Änderungsbenachrichtigung, ohne den Satz „offen für Neues“. Dann vier bis fünf Gespräche mit Personalberatern, die Geschäftsführungen auf Ihrer Ebene und in Ihrer Branche besetzen, mit der Botschaft: „Ich bin nicht auf der Suche. Ich möchte, dass Sie mich kennen, wenn etwas Passendes entsteht.“ Wie diese Gespräche laufen, steht im Beitrag Personalberater initiativ ansprechen. Und schließlich Ihr Netzwerk auf Gremienebene: Beiräte, Aufsichtsräte, ehemalige Vorgesetzte, die heute Gesellschafter sind. Ein Mittagessen im Monat, ohne Bitte, mit einer klaren Beschreibung dessen, wofür Sie stehen.
Das alles dauert, nebenbei betrieben, drei bis vier Monate, und es kostet niemanden im Unternehmen etwas, weil niemand davon erfährt. Was Sie dafür bekommen: Sie wissen, wie der Markt Sie liest, welche Rollen realistisch sind und in welcher Vergütungsspanne. Mit diesem Wissen ist das Gespräch mit dem Gremium ein Gespräch unter Erwachsenen, und die Entscheidung, zu bleiben, wird zu einer echten Entscheidung.
Und wenn die Nachfolge kommt? Dann haben Sie nichts verloren, außer der Illusion, dass sie von selbst gekommen wäre.
Ergebnis vom Ergebnis: Der Aufsichtsratsvorsitzende lädt Sie ein, im nächsten Quartal Ihren Bereich vor dem Gremium zu präsentieren. Sie sagen zu, ruhig, weil Sie in derselben Woche mit einem Personalberater über eine Geschäftsführung in einem anderen Unternehmen gesprochen haben. Sie wissen jetzt, was Sie draußen wert sind. Das Gremium weiß es nicht, aber es hört es in Ihrer Stimme.
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ÜBER DIE AUTORIN
Sabine Lanius ist Executive Karriereberaterin und ehemalige Headhunterin. Aktiv im Bereich Executive Sparring, Executive Search und berufliche Neuorientierung seit 1998. Rund 1.500 Führungskräfte beraten. Unabhängig von Unternehmen und Personalberatungen.
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