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Karriere-Blog · Neuorientierung

Jobwechsel in Krisenzeiten: Warum Abwarten Führungskräfte selten schützt

Veröffentlicht
Lesezeit
rund sieben Minuten
Für wen
Für Geschäftsführer, Vorstände und Bereichsleiter, deren Unternehmen oder Branche unter Druck steht und die abwägen, ob sie bleiben oder sich jetzt bewegen.

Die Auftragslage ist schwach, der Konzern spricht von Kostendisziplin, in der Branche häufen sich Restrukturierungen. Der naheliegende Gedanke: Jetzt bloß nicht bewegen. Wer bleibt, ist sicher, wer wechselt, geht ein Risiko ein. Auf Führungsebene stimmt diese Rechnung oft nicht. Gerade dort wird in schwierigen Zeiten umgebaut, und wer erst handelt, wenn die Entscheidung gefallen ist, verhandelt aus der schwächeren Position. Dieser Artikel zeigt, warum Abwarten selten schützt, woran Sie den richtigen Zeitpunkt erkennen und wie Sie diskret vorgehen. Dadurch bestimmen Sie den Takt Ihres nächsten Schritts selbst, statt ihn von einer Restrukturierung bestimmen zu lassen.

Warum Bleiben auf Führungsebene kein Schutz ist

In Krisen setzen Unternehmen zuerst dort an, wo Entscheidungen Wirkung haben: in der Führung. Neue Gesellschafter bringen eigene Leute mit, Bereiche werden zusammengelegt, Ebenen gestrichen. Eine Führungskraft mit großem Verantwortungsbereich ist dabei nicht besser geschützt als ein Fachspezialist, oft eher im Gegenteil, weil ihre Position teuer und sichtbar ist.

Dazu kommt der Status-quo-Effekt. Menschen bewerten das Bekannte systematisch höher als das Unbekannte, auch wenn die Faktenlage dagegen spricht. In unsicheren Zeiten verstärkt sich dieser Effekt. Das ist menschlich und verständlich. Es führt nur dazu, dass viele Führungskräfte die Zeichen zu lange übersehen.

Der eigentliche Nachteil des Abwartens liegt in der Verhandlungsposition. Wer aus einer laufenden Position heraus spricht, wählt aus. Wer nach einer Trennung spricht, muss erklären. Der Unterschied zeigt sich im Ton der Gespräche, in der Auswahl der Angebote und oft auch in der Vergütung.

Was in der Krise am Markt tatsächlich passiert

Es ist ein verbreitetes Bild, dass in schwierigen Zeiten niemand einstellt. Auf Top-Level trifft das so nicht zu. Krisen erzeugen Bedarf an Führungskräften, die restrukturieren, Kosten senken, Märkte neu ordnen oder einen Verkauf vorbereiten können. Viele dieser Positionen werden nicht ausgeschrieben, sondern über Personalberater und Empfehlungen besetzt, also im verdeckten Stellenmarkt.

Was sich verändert, ist die Geschwindigkeit. Unternehmen entscheiden vorsichtiger, Auswahlprozesse dauern länger, und die Anforderungen werden genauer formuliert. Wer in dieser Phase mit einem klaren Profil auftritt, fällt eher auf als in einem überhitzten Markt, in dem viele Kandidaten gleichzeitig angefragt werden. Dazu kommt: In unruhigen Phasen achten Auftraggeber stärker auf Belege. Sie wollen sehen, dass jemand eine vergleichbare Lage schon einmal gemeistert hat, mit Zahlen und Ergebnissen. Wer diese Belege früh aufbereitet, hat einen Vorsprung. Wer dagegen erst nach der Trennung beginnt, startet genau in diese langen Prozesse und verliert Monate.

Woran Sie den richtigen Zeitpunkt erkennen

Den perfekten Moment gibt es selten. Es gibt aber Signale, die zeigen, dass es Zeit ist, sich vorzubereiten:

  • Ihr Unternehmen bekommt neue Eigentümer, oder ein Verkauf wird geprüft.
  • Ein neuer CEO oder Vorstand ordnet die Führungsmannschaft neu.
  • Ihr Bereich wird in Strategiepapieren nicht mehr genannt oder mit einem anderen zusammengelegt.
  • Entscheidungen, die bisher bei Ihnen lagen, werden auf einmal woanders getroffen.
  • Sie werden zu wichtigen Runden nicht mehr eingeladen.

Einzeln bedeuten diese Signale wenig. Treten mehrere zusammen auf, verschiebt sich Ihre Lage. Hören Sie dabei auch auf Ihr eigenes Empfinden. Wenn Sie sonntagabends öfter an die Lage im Unternehmen denken als an die nächste Aufgabe, ist das kein Beweis, aber ein Hinweis, den viele Führungskräfte zu lange wegschieben. Ein ehrliches Gespräch mit einer Person außerhalb des Unternehmens hilft, Signale von Sorgen zu trennen. Eine ausführlichere Liste finden Sie unter Warnsignale. Wichtig ist der Unterschied zwischen Vorbereiten und Gehen: Vorbereiten heißt nicht, morgen zu kündigen. Es heißt, Ihre Optionen zu kennen, bevor jemand anderes über Ihre Zukunft entscheidet.

Diskret vorbereiten, ohne die aktuelle Position zu gefährden

Viele Führungskräfte zögern, weil sie fürchten, dass jede Bewegung auffällt. Auf Top-Level lässt sich die Vorbereitung gut diskret gestalten. Sie beginnt bei Ihnen selbst, erst danach am Markt:

  1. Standort klären: Welche Rolle wollen Sie als Nächstes, in welcher Branche, mit welchem Verantwortungsumfang? Ohne diese Antwort führen Gespräche zu nichts.
  2. Profil schärfen: LinkedIn, Kurzprofil und Lebenslauf so ausrichten, dass Personalberater Sie für genau diese Rolle finden. Das ist für Ihren Arbeitgeber unauffällig.
  3. Gezielt Kontakte pflegen: Einige Personalberater aus Ihrem Segment und eine Handvoll Entscheider aus Ihrem Netzwerk, persönlich und ohne Wechselbotschaft. Wie das gelingt, beschreibt der Eintrag Netzwerk aktivieren.
  4. Unterlagen sichern: Ein aktuelles Zwischenzeugnis, Belege für Ihre Ergebnisse, ein Überblick über Ihre vertraglichen Fristen.

So haben Sie im Ernstfall ein vorbereitetes Feld statt eines leeren Kalenders. Und wenn sich die Lage im Unternehmen stabilisiert, haben Sie nichts verloren, außer ein paar Abenden Arbeit.

Ein Punkt wird dabei oft unterschätzt: Ihre vertraglichen Rahmenbedingungen. Kündigungsfristen von sechs oder zwölf Monaten, ein nachvertragliches Wettbewerbsverbot oder eine Change-of-Control-Klausel bestimmen, wie schnell Sie wechseln können und was Sie bei einem Eigentümerwechsel verhandeln können. Wer diese Punkte kennt, bevor es ernst wird, kann Angebote realistisch einschätzen und verhandelt aus einer klaren Position.

Die Kosten des Abwartens

Abwarten fühlt sich vorsichtig an. Es ist aber auch eine Entscheidung, und meist die teurere. Wer erst nach der Trennung beginnt, braucht Zeit, um Klarheit über die nächste Rolle zu gewinnen, Zeit, um sichtbar zu werden, und Zeit, bis die langen Auswahlprozesse in der Krise abgeschlossen sind. Jeder dieser Monate kostet Marktwert und Nerven.

Wer früh beginnt, gewinnt diese Monate zurück, und mit ihnen ein gutes Stück Gelassenheit. Er spricht aus einer laufenden Position heraus, wählt aus mehreren Gesprächen und kann einen Aufhebungsvertrag mit Ruhe verhandeln, wenn es so weit kommt. Das ist kein Plan für den Ausstieg, es ist ein Plan B, der Ihnen Handlungsfreiheit gibt.

Häufige Fragen

Ist es in der Krise nicht riskanter, die sichere Position aufzugeben?

Vorbereiten heißt nicht aufgeben. Sie bleiben in Ihrer Position, bis Sie ein Angebot haben, das besser passt. Riskant ist eher, ohne jede Vorbereitung von einer Restrukturierung überrascht zu werden.

Stellen Unternehmen in einer Rezession überhaupt Führungskräfte ein?

Ja, vor allem für Aufgaben wie Restrukturierung, Integration, Kostensenkung oder Neuausrichtung. Die Prozesse dauern oft länger, und die Anforderungen sind genauer. Viele dieser Positionen werden nicht ausgeschrieben.

Wie lange dauert eine Neuorientierung auf Führungsebene?

Das hängt von Ebene, Branche und Klarheit des Profils ab und lässt sich nicht pauschal sagen. Wer mit einer klaren Zielrolle und einem geschärften Profil startet, verkürzt die Zeit erfahrungsgemäß deutlich gegenüber einem Start ohne Vorbereitung.

Sabine Lanius
Über die Autorin

Sabine Lanius ist Executive Karriereberaterin und ehemalige Headhunterin. Aktiv im Bereich Executive Sparring, Executive Search und berufliche Neuorientierung seit 1998. Rund 1.500 Führungskräfte beraten. Unabhängig von Unternehmen und Personalberatungen.

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