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Karriere-Blog · Positionierung

Karriereanker nach Schein: Prüfen Sie, welche Rolle zu Ihnen passt

Veröffentlicht
Lesezeit
rund sieben Minuten
Für wen
Für Führungskräfte, die zwischen mehreren Optionen wählen oder vor einer Neuorientierung klären wollen, welche Art von Rolle zu ihnen passt.

Ein Angebot liegt auf dem Tisch. Mehr Verantwortung, mehr Gehalt, ein guter Name. Und trotzdem zögern Sie, ohne genau sagen zu können, warum. Oft liegt die Antwort nicht im Angebot, sondern in dem, was Sie in Ihrer Laufbahn nicht aufgeben wollen. Der Organisationspsychologe Edgar Schein hat dafür den Begriff Karriereanker geprägt. Dieser Artikel zeigt, wie Sie die acht Anker als Prüfraster vor Ihrem nächsten Schritt nutzen, an welchen Fragen Sie Ihren eigenen erkennen und wie Sie Angebote damit vergleichen. Dadurch entscheiden Sie sich für eine Rolle, in der Sie lange gut arbeiten, statt nach zwei Jahren wieder zu wechseln.

Was Schein mit einem Karriereanker meint

Edgar H. Schein, lange Professor an der MIT Sloan School of Management, hat seit den 1970er-Jahren untersucht, wie sich Berufswege entwickeln. Sein Befund: Mit wachsender Erfahrung bildet sich bei den meisten Menschen ein Selbstbild aus Fähigkeiten, Motiven und Werten, das ihre beruflichen Entscheidungen leitet. Diesen Kern nannte er Karriereanker. Es ist das, was jemand nicht aufgeben würde, wenn er sich entscheiden müsste.

Schein beschreibt acht Anker. Die meisten Menschen haben einen dominanten Anker, auch wenn mehrere eine Rolle spielen. Wichtig ist der Unterschied zu einer Vorliebe: Ein Anker zeigt sich erst, wenn etwas auf dem Spiel steht. Eine kurze Einordnung finden Sie im Glossar unter Karriereanker nach Schein. Dieser Artikel geht einen Schritt weiter und zeigt, wie Sie mit dem Modell arbeiten.

Die acht Anker im Überblick

  1. Technische oder funktionale Kompetenz: Sie wollen in Ihrem Fachgebiet herausragend sein. Allgemeines Management reizt Sie weniger als fachliche Tiefe.
  2. Allgemeine Managementkompetenz: Sie wollen Verantwortung für Ergebnisse tragen, Bereiche integrieren und führen. Je höher die Gesamtverantwortung, desto besser.
  3. Selbstständigkeit und Unabhängigkeit: Sie wollen selbst bestimmen, wie, wann und woran Sie arbeiten. Enge Vorgaben und Konzernregeln kosten Sie Kraft.
  4. Sicherheit und Beständigkeit: Ihnen sind Stabilität, Planbarkeit und eine verlässliche Perspektive wichtig.
  5. Unternehmerische Kreativität: Sie wollen etwas Eigenes aufbauen, ein Unternehmen, ein Produkt, einen neuen Geschäftsbereich.
  6. Dienst oder Hingabe an eine Sache: Sie wollen mit Ihrer Arbeit etwas bewirken, das Ihren Werten entspricht.
  7. Reine Herausforderung: Sie suchen schwierige Probleme und starke Gegner. Routine langweilt Sie schnell.
  8. Lebensstil: Sie wollen Beruf, Familie und eigene Interessen in ein Gleichgewicht bringen, das für Sie stimmt.

Keiner dieser Anker ist besser als ein anderer. Problematisch wird es nur, wenn Rolle und Anker gegeneinander arbeiten. Dann kostet der Alltag Kraft, auch wenn Titel und Vergütung stimmen, und die Unzufriedenheit wächst leise, bis sie zum nächsten Wechsel führt.

Wie Sie Ihren eigenen Anker erkennen

Schein selbst hat einen Fragebogen und ein strukturiertes Interview entwickelt. Für eine erste Einordnung reichen drei Fragen, die Sie ehrlich beantworten:

  • Welche Entscheidung in Ihrer Laufbahn hat Sie im Rückblick am meisten zufrieden gemacht, und was genau gab den Ausschlag?
  • Wann haben Sie eine Position verlassen oder ein Angebot abgelehnt, und was hätten Sie dort aufgeben müssen?
  • Welche Bedingung müsste eine Rolle erfüllen, damit Sie sie auch bei geringerem Gehalt annehmen würden?

Achten Sie auf Muster. Wer mehrfach eine Beförderung ausgeschlagen hat, um im Fach zu bleiben, hat vermutlich einen funktionalen Anker. Wer nach jeder Integration unruhig wird, sobald der Betrieb läuft, eher den Anker der reinen Herausforderung. Eine Standortbestimmung macht solche Muster sichtbar, weil sie die eigene Laufbahn als Ganzes betrachtet.

Angebote mit dem Anker prüfen

Im Jobwechsel hilft das Modell vor allem beim Vergleich. Legen Sie jede Option neben Ihren Anker und fragen Sie: Wo trägt diese Rolle meinen Anker, und wo arbeitet sie gegen ihn?

Ein Beispiel ohne konkreten Fall: Eine Führungskraft mit Unabhängigkeitsanker erhält zwei Angebote. Das eine ist eine Geschäftsführung in einem inhabergeführten Unternehmen mit klarem Gestaltungsraum. Das andere ist eine Bereichsleitung im Konzern mit mehr Gehalt, aber dichter Matrix und vielen Abstimmungsrunden. Auf dem Papier wirkt das zweite Angebot größer. Für diesen Anker passt das erste besser, und die Wahrscheinlichkeit, nach zwei Jahren wieder zu suchen, ist geringer.

Diese Prüfung schützt vor einem bekannten Muster: Man nimmt die größere Rolle, weil sie nach Aufstieg aussieht, und merkt später, dass sie das Wichtigste nicht bietet. Das Peter-Prinzip beschreibt eine verwandte Falle. Wer seinen Anker kennt, kann im Vorstellungsgespräch gezielt die Fragen stellen, die über Passung entscheiden: Wie viel Entscheidungsspielraum hat die Rolle tatsächlich? Wie stabil ist der Gesellschafterkreis? Wie sieht ein typischer Arbeitstag aus?

Auch im Gespräch mit Personalberatern hilft diese Klarheit. Ein Berater, der weiß, dass Ihnen Gestaltungsraum wichtiger ist als die Größe des Konzerns, schlägt Sie für andere Mandate vor als jemanden, der vor allem Sicherheit sucht. Er spart sich Fehlversuche, und Sie sparen sich Gespräche, die von Anfang an nicht passen. Schreiben Sie Ihren Anker deshalb vor dem nächsten Gespräch in ein, zwei Sätzen auf, mit einem Beispiel aus Ihrer Laufbahn, das ihn belegt.

Was das Modell leistet und was nicht

Karriereanker sind ein Denkwerkzeug, kein Test mit Ergebnisgarantie. Sie verändern sich bei den meisten Menschen über die Jahre wenig, doch einschneidende Lebensereignisse können die Gewichtung verschieben. Gerade mit Mitte fünfzig gewinnt der Lebensstil-Anker bei manchen an Gewicht, bei anderen der Wunsch, noch einmal etwas Eigenes aufzubauen.

Der Nutzen liegt in der Sprache, die das Modell Ihnen gibt. Sie können benennen, was Sie suchen, gegenüber Personalberatern, gegenüber Ihrer Familie und gegenüber sich selbst. Ein Satz wie „Ich brauche Gestaltungsraum und kurze Entscheidungswege“ ist für einen Berater wertvoller als „Ich bin offen“. Wer so klar ist, verschwendet keine Monate mit Gesprächen über Rollen, die er am Ende ohnehin ablehnt, und schützt seinen Marktwert vor einem Wechsel, der nicht trägt.

Häufige Fragen

Kann man mehrere Karriereanker haben?

Mehrere Anker können eine Rolle spielen. Schein ging aber davon aus, dass sich bei den meisten Menschen einer als dominant zeigt, sobald sie zwischen ihnen wählen müssen. Genau diese Wahl lohnt es sich, gedanklich durchzuspielen.

Ab wann ist das Modell aussagekräftig?

Schein beschreibt den Anker als Ergebnis gesammelter Berufserfahrung. Bei Führungskräften mit mehr als zehn Jahren Laufbahn ist das Bild meist stabil genug, um Entscheidungen daran auszurichten.

Soll ich meinen Karriereanker im Vorstellungsgespräch nennen?

Den Begriff brauchen Sie nicht. Hilfreich ist, den Inhalt in eigene Worte zu fassen und mit einem Beispiel aus Ihrer Laufbahn zu belegen. Das zeigt Selbstkenntnis und erleichtert dem Gegenüber die Einschätzung der Passung.

Sabine Lanius
Über die Autorin

Sabine Lanius ist Executive Karriereberaterin und ehemalige Headhunterin. Aktiv im Bereich Executive Sparring, Executive Search und berufliche Neuorientierung seit 1998. Rund 1.500 Führungskräfte beraten. Unabhängig von Unternehmen und Personalberatungen.

Was würden Sie in Ihrer nächsten Rolle auf keinen Fall aufgeben, selbst wenn das Gehalt höher wäre?

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