Das Bewerbungsvideo für Führungskräfte.
Ein kurzes, ehrliches Video kann Ihnen ein Gespräch öffnen. Den Lebenslauf ersetzt es nicht, und eine Hochglanzproduktion braucht es dafür selten.
Gesellschafter, Beiräte und Investoren treffen Personalentscheidungen am Ende über einen Menschen, nicht über ein Dokument. Deshalb liegt die Idee nahe, diesen Menschen früher zu zeigen: mit einem Video, das vor dem ersten Gespräch einen Eindruck von Stimme, Haltung und Denkweise gibt. Inzwischen werden dafür ganze Produktionen angeboten, mit zwei Kameras und Drehtag. Dieser Beitrag ordnet ein, was ein Video-Pitch für Führungskräfte leisten kann, wo er nichts bewirkt oder sogar schadet, an wen er gehört und warum ein kurzes, ehrliches Video auf LinkedIn oft mehr erreicht als ein aufwendiger Film. Dadurch entscheiden Sie bewusst, ob ein Video in Ihre Suche passt, und investieren Zeit und Geld dort, wo es Gespräche bringt.
Die Frage kommt in Erstgesprächen inzwischen regelmäßig: Soll ich ein Video drehen lassen? Meist steht ein Angebot im Raum, oft mit einem Preis, der dem einer kleinen Imagekampagne entspricht. Ich verstehe den Gedanken dahinter. Wer zwanzig Jahre lang durch Präsenz überzeugt hat, merkt, dass ein Lebenslauf davon wenig transportiert. Meine Antwort fällt trotzdem vorsichtiger aus, als viele erwarten. Ein Video kann viel. Es kann aber nur verstärken, was schon da ist.
Was ein Video-Pitch leisten kann
Ein Lebenslauf sagt, was Sie getan haben. Er sagt wenig darüber, wie Sie es getan haben. Genau diese Frage stellen sich Entscheider auf Top-Level aber zuerst: Wie ist der als Mensch? Wie tritt er vor einem Betriebsrat auf, vor einer Bank, vor einem Kunden, der gerade kündigen will? Ein Video beantwortet einen Teil davon, bevor jemand einen Termin vergeben hat.
Das gilt vor allem dort, wo kein Personalberater dazwischen sitzt. Ein Gesellschafter, der über einen Kontakt von Ihnen hört, ein Beirat, der eine Geschäftsführung für ein Familienunternehmen sucht, ein Private-Equity-Partner, der für ein Portfoliounternehmen schnell einen CFO braucht: Sie alle entscheiden, ob sie anrufen. Neunzig Sekunden, in denen Sie ruhig und konkret sagen, welches Problem Sie lösen, können diese Entscheidung erleichtern.
Ein Video zeigt außerdem etwas, das kein Dokument zeigt: Ihre Stimme, Ihr Tempo, die Art, wie Sie einen Gedanken zu Ende führen. Wer hier überzeugt, kommt mit einem Vorschuss ins erste Gespräch. Sein Gegenüber hat ihn schon einmal gehört und muss den ersten Eindruck nicht mehr am Tisch bilden.
Was ein Video nicht leisten kann
Ein Video ersetzt den Lebenslauf nicht. Personalberater gleichen Kandidaten mit den Kriterien ihres Suchauftrags ab: Stationen, Branchen, Verantwortung, Ergebnisse. Das tun sie im Lebenslauf und im LinkedIn-Profil, schnell und vergleichend. Ein Bewerbermanagement-System kann ein Video gar nicht lesen. Wer in diese Prozesse ein Video statt sauberer Unterlagen schickt, wird schlicht nicht gefunden.
Ein Video kann auch keine unklare Zielrolle reparieren. Wenn Sie in neunzig Sekunden erzählen, dass Sie vieles können und für vieles offen sind, sieht der Zuschauer genau das: Unschärfe, jetzt mit Ton. Die Arbeit an der Positionierung muss vorher gemacht sein. Sonst produzieren Sie einen schönen Film über eine Frage, die Sie selbst noch nicht beantwortet haben.
Und ein schwaches Video schadet mehr als keines. Ein abgelesener Text, ein steifer Blick, ein Satz, der nach Werbeagentur klingt: Das bleibt hängen, und es bleibt länger hängen als ein mittelmäßiger Lebenslauf. Ein Lebenslauf wird überflogen, ein Video schaut man sich an. Fehler darin sind deshalb sichtbarer.
Was Sie davon haben: Sie wissen, wofür ein Video taugt und wofür nicht. Dadurch stecken Sie Ihre Energie zuerst in Zielrolle, Lebenslauf und Profil und setzen das Video erst ein, wenn es etwas verstärken kann.
Gezielt statt massenhaft
Der häufigste Fehler mit Bewerbungsvideos ist der Verteiler. Ein Link im Anhang von fünfzig Bewerbungen, ein Hinweis in jeder Mail an jeden Personalberater: Das verwässert genau das, was ein Video stark macht, nämlich den Eindruck, dass hier jemand spricht, der weiß, mit wem er spricht.
Ein Video gehört dorthin, wo ein Mensch einen Grund hat, es anzusehen. Drei Situationen haben sich bewährt:
- Nach einem ersten Kontakt. Jemand hat Sie empfohlen, ein Gesellschafter hat Interesse signalisiert. Der Link in der Folge-Mail gibt ihm vor dem Termin ein Bild von Ihnen.
- In der Direktansprache an Eigentümer und Beiräte. Wo kein Personalberater filtert, entscheidet der Adressat selbst, ob er sich meldet. Ein kurzes Video kann diesen Schritt erleichtern, wenn die Nachricht dazu ebenfalls kurz ist.
- Im eigenen LinkedIn-Profil. Dort sieht es, wer ohnehin nach Ihnen sucht. Mehr dazu im nächsten Kapitel.
In allen drei Fällen gilt: lieber ein Video, das auf eine Zielgruppe passt, als eines, das allen etwas sagen soll. Wer Geschäftsführungen im Familienunternehmen anspricht, erzählt ein anderes Beispiel als jemand, der einen PE-Investor überzeugen will.
Was Sie davon haben: Ihr Video wird von den Menschen gesehen, die über Ihre nächste Position entscheiden, und es spricht sie in ihrer Situation an.
Kurz, ehrlich, auf LinkedIn
Meine Position ist klar: Für die meisten Führungskräfte ist ein kurzes, selbst aufgenommenes Video auf LinkedIn die bessere Wahl als eine teure Produktion. Executives sehen täglich Hochglanz, in Geschäftsberichten, in Imagefilmen, in Werbung. Ein perfekt ausgeleuchteter Film mit Musik und zwei Kameraperspektiven wirkt schnell wie Marketing. Ein ruhiges Video am Schreibtisch wirkt wie ein Gespräch.
Eine professionelle Produktion hat ihren Platz, wenn Sie ohnehin öffentlich auftreten, als Redner, als Autor, als Gesicht eines Unternehmens. Für die Suche nach Ihrer nächsten Position ist das Bild selten der Engpass. Der Engpass ist fast immer die Aussage: Welche Aufgabe, welches Ergebnis, welcher Grund, Sie anzurufen? Wer diese Fragen beantwortet hat, kommt mit einfacher Technik weit. Wer sie offen lässt, dem hilft auch die beste Kamera nicht.
Was Sie brauchen, ist überschaubar: eine gute Kamera oder ein aktuelles Smartphone auf Augenhöhe, Licht von vorn, ein externes Mikrofon und einen ruhigen Raum. Die Länge liegt bei sechzig bis neunzig Sekunden. Der Inhalt passt auf eine Karteikarte:
- Wer Sie sind, in einem Satz, der Ihre Rolle beschreibt. Der letzte Titel kann warten.
- Welches unternehmerische Problem Sie lösen.
- Ein Beispiel mit Ergebnis.
- Für welche Art von Aufgabe Sie ansprechbar sind.
Sprechen Sie frei, mit drei Stichpunkten auf einem Zettel neben der Kamera. Drei, vier Anläufe sind normal. Nehmen Sie den, der am natürlichsten klingt, auch wenn er einen kleinen Versprecher enthält.
Auf LinkedIn platzieren Sie das Video im Bereich „Im Fokus“ Ihres Profils oder als Beitrag, den Sie dort anheften. Wer Sie über einen Personalberater oder eine Empfehlung findet, sieht es dann von selbst. Und wenn Sie noch in Position sind: Das Video beschreibt, wofür Sie stehen, nicht, dass Sie suchen. Wie Sie auf LinkedIn sichtbar werden, ohne nach Suche auszusehen, steht im Beitrag LinkedIn aktiv nutzen.
Bevor Sie auf Aufnahme drücken
Drei Prüfungen lohnen sich, bevor Sie Zeit oder Geld in ein Video stecken.
Erstens: Können Sie Ihre Zielrolle in einem Satz sagen, so, dass ein Fremder versteht, für welche Position er Sie empfehlen würde? Wenn nicht, beginnt die Arbeit an dieser Stelle. Die Kamera kommt später.
Zweitens: Würden Sie das Video auch Ihrem heutigen Aufsichtsrat oder Ihrer Geschäftsführung zeigen? Wenn die Antwort nein ist, gehört es höchstens als Link in eine vertrauliche Nachricht. Öffentlich auf LinkedIn ist es dann fehl am Platz.
Drittens: Schauen Sie die Aufnahme einmal ohne Ton an. Was erzählt Ihr Gesicht, Ihre Haltung, Ihr Blick? Wenn Sie sich selbst darin nicht wiedererkennen, nehmen Sie neu auf.
Besteht Ihr Video alle drei Prüfungen, ist es ein gutes Werkzeug. Es öffnet keine Tür von allein. Es sorgt aber dafür, dass die Menschen, die über Ihre nächste Position entscheiden, Sie schon ein wenig kennen, wenn sie Ihnen das erste Mal gegenübersitzen.
Ergebnis vom Ergebnis: Eine Beirätin hat Ihr Profil von einem gemeinsamen Bekannten bekommen. Am Abend schaut sie Ihr Video, neunzig Sekunden, zwischen zwei Mails. Am nächsten Morgen ruft sie an und beginnt nicht mit „Erzählen Sie mal von sich“. Sie beginnt mit dem Beispiel, das Sie im Video erzählt haben, und fragt, wie Sie das in ihrem Unternehmen angehen würden. Das Gespräch ist vom ersten Satz an eines über die Aufgabe.